Das Geheimnis von Burg Falkenstein

In der Archäologie gibt es den Begriff des Depot- oder Hortfundes. Gemeint sind Objekte, die zu ihrer Zeit oft sehr wertvoll waren und heute als einzelne Fundstücke ohne erkennbaren Fundzusammenhang gefunden werden. Eine der vielen Interpretationen ist, dass hier jemand seine Schätze in unsicheren Zeit versteckt, aber später dann keine Gelegenheit mehr hatte, sie wiederzuholen. Was vor langer Zeit ein dramatisches Schicksal war, erfreut heute die Archäologie. Wobei ein Hortfund neben einem möglicherweise bestehenden materiellen Wert für die Wissenschaft oft wenig Aussagekraft besitzt. Denn woher die Gegenstände  ursprünglich stammten, wozu sie benutzt und warum sie am Ende versteckt wurden, lässt sich in den meisten Fällen nicht mehr herausfinden.

Gerade deswegen umweht diese Fundgattung, die gerne auch “Schatzfund” genannt wird, ein Hauch von Geheimnis und Abenteuer. Denn diese Objekte waren es, die früher die Menschen dazu brachten im Boden nach Altertümern zu graben. Die Hoffnung auf plötzlichen Reichtum durch einen Schatz aus der Vergangenheit existiert bis heute.

Allerdings macht sich nach heutigem Denkmalgesetz jeder strafbar, der gezielt nach archäologischen Gegenständen gräbt. Vor allem, wenn es um sogenannte “Schätze” geht. Das muss immer wieder betont werden.

Aber manchmal werden heute Ereignisse bekannt, die zeigen, was für unglaubliche Geschichten hinter solchen Horten stecken können.

Burg Falkenstein.

Burg Falkenstein.

Im Ostharz  in der Nähe von Ballenstedt liegt über dem Selketal die Burg Falkenstein. Es handelt sich um eine gut erhaltene, beeindruckende Burganlage aus dem 12. Jahrhundert, die, wie auch andere Burgen dieser Art, im Lauf ihrer Geschichte immer wieder im Stil der jeweiligen Zeit umgebaut und erweitert wurde.

Das ganze Gemäuer ist so unglaublich verwinkelt, dass es jedem mittelalterbegeisterten Kind die Freudentränen in die Augen treibt.** Bis ins frühe 20. Jahrhundert gab es immer wieder Baumaßnahmen, um das alte Gemäuer den Ansprüchen des moderneren Lebens anzupassen.

Besonders auffällig ist der wuchtige Bergfried. Zum einen hat er einen asymmetrischen Querschnitt, der mit seinem markanten Grat das Bild der Burg

Links der Treppenturm vom Ende des 17. Jh., daneben der alte Bergfried.

Der alte Bergfried, daneben ein neuerer Treppenturm.

bestimmt. Zum anderen laufen um den Turm dicke Eisenbänder. Diese stammen erst aus den 1930er Jahren. Damals drohte der Bergfried einzustürzen und wurde auf diese Art gesichert.

Sie stabilisieren den Turm seit den 1930er Jahren.

Eisenbänder am Bergfried.

Die Burg blieb bis zum zweiten Weltkrieg im Besitz der Familie, die dort schon seit dem 15. Jahrhundert lebte. Nach dem Krieg wurde die Anlage in der DDR enteignet und in den Gebäuden wurde ein Museum eingerichtet.

In den dramatischen Tagen im April und Mai 1945, als unklar war, wer von den Alliierten als erstes im Selketal eintreffen würden, versuchten die Besitzer fieberhaft, ihre Familienerbstücke in Sicherheit zu bringen. Wie viele andere, die in solchen Zeiten lebten, vergruben sie einen Teil davon in den Wäldern nahe der Burg. Sie hofften, genauso wie andere Menschen schon seit Jahrtausenden, eines Tages zurückkommen und ihren Besitz wiederholen zu können.

Doch es kam anders. Die Amerikaner trafen zwar als erstes ein und beendetet für die Burg Falkenstein den Krieg. Doch später wurde der Ostharz der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen und die früheren Besitzer der Burg flohen in den Westen.

Die Wälder im Selketal. Eine wunderschöne Gegend.

Die Wälder im Selketal. Eine wunderschöne Gegend.

Einen großen Teil ihrer wertvollsten Besitztümer hatten sie vorher jedoch nicht vergraben, sondern in den verwinkelten Mauern ihrer Familienfestung versteckt. In einem geheimen Zwischengeschoss, das bei einer Erhöhung der Mauern über der Burgkapelle entstanden war und zu dem kein normaler Zugang existierte, versteckten sie Gemälde, Schmuck, Geschirr und anderes von Wert. Die Klappe im Boden des Geschosses darüber wurde mit Brettern verschlossen, so dass nichts mehr davon zu sehen war.

So entstand das geheime Versteck.

 

Manchmal ist die Realität besser, als jede ausgedachte Erzählung. Denn tatsächlich blieb dieses Versteck über 40 Jahre unentdeckt. Die ganze Zeit der Existenz der DDR hindurch blieb der Familienschatz im Verborgenen.

Um unter den informierten Familienmitgliedern unauffällig über die versteckten Schätze reden zu können, hatte der Geheimraum den Codenamen “Magdeburg” bekommen. Falls also die Rede auf einen vermissten Gegenstand kam, sagte jemand: “Am Ende des Krieges war der in Magdeburg.” Und jeder Eingeweihte wusste, wovon die Rede war.

Darunter können Hohlräume entstehen.

Aufgesetzte Stockwerke wie Fachwerkhäuschen auf der Mauer.

Noch in den 80er Jahren reiste der alte Burgherr in die DDR. Unter dem Vorwand seine alte Heimat einmal wiederzusehen, kam er auf die Burg Falkenstein und machte eine Führung mit. Dabei überprüfte er unauffällig, ob der Zugang zum Versteck noch intakt war. Offenbar war das der Fall.

Kurz nach dem Mauerfall und noch vor der Wieder-
vereinigung fuhr sein Schwiegersohn in den Ostharz und fand im Wald die dort vergrabenen Dinge, die er mit dem Auto in den Westen schmuggelte.

Als einige Zeit später Pläne zur Restaurierung der Burg bekannt wurden zögerte die Familie nicht lange. In einer Nacht- und Nebelaktion räumten sie das Magdeburg-Versteck aus und brachten den Inhalt in den Westen.

Das Ganze war rechtlich gesehen illegal, denn rein juristisch blieb die Enteignung der Burg und des gesamten Besitzes bestehen. Als die Aktion bekannt wurde, begann ein jahrelanger Rechtsstreit um die Eigentumsverhältnisse der versteckten Gegenstände.

Aber solche Streitigkeiten sind nicht nur langwierig, sondern auch langweilig. Also lasse ich die Details hier weg.

So ist der Fall des Familienschatzes im Versteck “Magdeburg” nicht nur eine spannende Geschichte, sondern er zeigt auch einmal mögliche Hintergründe für einen Hortfund.

 

Der Eingang zum “Magdeburg”-Versteck ist heute mit einer Plexiglasplatte verschlossen und bietet einen Einblick in den geheimen Raum, in dem jahrzehntelang ein Schatz versteckt war. Leider sind Fotos im Inneren der Gebäude nicht erlaubt, daher muss jeder, der den Eingang zum Versteck sehen möchte, selbst in den Harz fahren. So ein Besuch lohnt aber auf jeden Fall.

Ausführlich wir die ganze Geschichte und die gesamte Geschichte der Burg Falkenstein in dem Buch zur Burg beschrieben:

Das Buch zur Burg Falkenstein.

B.E.H. Schmuhl, K. Breitenhorn (Hrsg.): Burg Falkenstein; Schriftenreihe der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt, 2006

 

P.S.: Der Streit um die Objekte aus dem Versteck konnte schließlich vor Gericht geklärt werden. Einige Dinge blieben im Besitz der Familie, andere sind heute im Museum der Burg zu sehen.

 

Noch ein Nachtrag: Wie gut, dass ich nochmal eine Suchmaschine bemüht habe. Die Burg hält immer noch Überraschungen bereit. Vor einiger Zeit ist in einer Mauernische tatsächlich ein weiteres Versteck mit Wertgegenständen gefunden worden. Der Inhalt ist nicht ganz so spektakulär, wie oben beschrieben, aber ein Hortfund (oder hier wieder: ein Versteckfund) bleibt es allemal.

Geschichte kann so spannend sein.

 

 

** Mir auch.

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